(Johann) Hermann Gütlich (1836-1861)

Hermann wurde am 29. Oktober 1836 in Darmstadt als Sohn des wohlhabenden Gewürzhändlers Johann Nicolaus Gütlich (1790-1872) geboren.

-1- Foto Hermann Gütlich (1860) [3]

Aufgrund der privilegierten Familienverhältnisse hat Hermann eine sozial unbeschwerte Zukunft vor sich. Er besucht zunächst die Privatschule von Dr. Ferdinand Lucius (1817-1877), woraufhin er im Herbst 1848 in das Ludwig Georgs-Gymnasium eintritt und sich somit voll und ganz auf seine eigene Entwicklung hin zu einer erfolgreichen gesellschaftlichen Karriere konzentrieren kann. Hermann ist ein begabter und wissbegieriger Mensch und spricht in der Sekundarschulzeit neben Deutsch auch Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

Zwischen 1854 und 1857 studierte er abwechselnd Rechtswissenschaften an den Universitäten Gießen und Heidelberg, um später Rechtsanwalt zu werden. Doch im Frühjahr 1857 bricht er unerwartet sein Studium ohne Abitur ab, um im Weingeschäft seines Vetters Georg Wetterhahn in Mainz zu arbeiten. Der Grund für den plötzlichen Abgang nach Mainz wird nirgendwo genannt. Im Januar 1857 passiert jedoch etwas, das auf seine Wahl hindeuten könnte. Hermann verfügt über Sprachkenntnisse; er erzählt und schreibt gerne. Neben dem Schreiben strebt Hermann danach, als Dichter anerkannt zu werden, wie aus seinem Reisebericht hervorgeht, der einige Gedichte über seine Jugendliebe Thrineli aus der Schweiz enthält. Während seines Studiums schreibt er mehrere Gedichte, die er in der renommierten Schriftstellerzeitschrift „Morgenblatt für gebildete Stände[1] veröffentlichen möchte. Seine Gedichte werden zu Hermanns Enttäuschung nicht veröffentlicht, und da diese Ereignisse dicht aufeinander folgen, mag diese Absage der Grund für ihn gewesen sein, sein Studium zu beenden und nach Mainz zu ziehen.

Über die Zeit, die er in Mainz lebte, ist nicht viel bekannt. Während seines Mainzer Aufenthaltes entstand 1860 im Geschäft der Fotografen Brechtel & Urmetzer [2] ein Foto von ihm, das damit das älteste Foto der Familie Gütlich ist (siehe -1-).                                                                                                

Nachlass Hermann

Nach Hermanns plötzlichem Tod am 25. Dezember 1861 in Mainz wurde sein Nachlass vom Gericht in Darmstadt auf ein negatives Kapital in Höhe von fl. 567,41 festgesetzt. Bei weiterer Analyse seiner Schulden in Höhe von fl. 1.253,43 fällt auf, dass sein Vater Johann Nicolaus mit fl. 664,35 sein größter Gläubiger ist.

Sein Hab und Gut wird wie folgt bewertet:

Bargeld                                fl.            35,24

Kleider                                 –              60,40

43 Schuldner                     –           432,19

Getränk                               –             60,26

Zigarren                               –           275,26

Gesamt                                fl.         863,35

Damit besteht mehr als die Hälfte seines Nachlasses aus Außenschulden von Mainz bis Gießen in Höhe von 30 Cent bis 107,20 Gulden. Am bemerkenswertesten an seinem Besitz ist, dass er zu fast 40 Prozent aus Spirituosen und 16 verschiedenen Zigarrensorten aus aller Welt besteht. Hermanns Sterbeurkunde der Stadt Mainz gibt keine Todesursache an, aber sein Lebensstil mit Alkohol und Zigarren hat möglicherweise in jungen Jahren seinen Tribut gefordert.

Hermanns Jugendfreund Karl Planz erzählte dem Schriftsteller Karl Esselborn in Anekdoten, was für eine Persönlichkeit Hermann war. Bei den Abenteuern, die Hermann mit seinen Mitschülern und Kommilitonen erlebte, war er es vor allem, der es schaffte, mit Gesang und poetischer Sprache die Atmosphäre der Situation zu bestimmen.

Einmal spielte er, als wäre er in einem Bach ertrunken, wurde klatschnass nach Hause getragen und fand sich dann plötzlich lebendig und munter wieder, als er seine Rückkehr vor die Menge mit einer Rede im Treppenhaus beendete und allen für ihre Unterstützung dankte.

Bei einem Ausflug in den Odenwald im Städtchen Mörlenbach überredete er den örtlichen Barbier, mitten auf der Brücke die gesamte Freundesgruppe gleichzeitig einzuseifen und sich dann vor einer Gruppe Jugendlicher zu rasieren!

Hermann war ein Mann mit vielen Talenten und gesellschaftlichen Möglichkeiten, aber seine Lebensentscheidungen und sein Tod im Alter von 25 Jahren hinderten ihn daran, sie voll auszuschöpfen. Ein erfolgsversprechendes Leben hat sich vermutlich aus eigener Kraft nicht voll entwickelt, und das ist eine traurige Beobachtung.

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[1] Das „Morgenblatt für gebildete Stände“ (ab 1837: „Morgenblatt für gebildete Leser“) ist der wichtigste Vertreter eines neuen Zeitschriftentyps, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand. Sie erschien von 1807 bis 1865 zusammen mit der politischen Allgemeinen Zeitung in Stuttgart und Tübingen bei der Cotta'schen Verlagsbuchhandlung, einem der einflussreichsten deutschen Verlage der Zeit.

[2] https://www.dilibri.de/stbmz/content/pageview/1235021 - (Adreßbuch der Provinzialhauptstadt Mainz 1860)

[3] Hessisches Staatsarchiv Darmstadt: Signatur R4 Nr. 17501