2. Herbstferien in Mainz

Es war in den Herbstferien 1853, als ich einen Vetter von mir, den Weinhändler Georg Wetterhahn, in Mainz besuchte. Dieser hatte den Auftrag von seinem Bruder Gustav, einem österreichischen Husarenrittmeister, ihm in der Umgegend zwei Reitpferde zu kaufen, da sie in der Lombardei ungeheuer hoch im Preise ständen. Die Pferde waren gekauft, und ein gewisser Thomas Henninger, ein Bereiter von Mainz, wurde beauftragt, sie hinzubefördern. Ich war gerade zugegen, als mein Vetter mit diesem sprach und ihm die Reiseroute angab, die er machen sollte. Da kam denn Straßburg vor und Basel, Luzern, der Vierwaldstädter See mit seinen historischen Merkwürdigkeiten, und viele andere von allen Fremden bewunderte Orte, so dass ich anfing, den glücklichen Henninger zu beneiden und endlich den kühnen Entschluss äußerte, die Reise mitzumachen. Mein Vetter hatte nichts dagegen; er erbot sich sogar, mir das nötige Geld vorzuschießen. Henninger war sehr froh, einen Begleiter gefunden zu haben; denn er meinte, zwei kämen besser zurecht auf einer Reise als einer.

Das einzige Hindernis, das sich mir mächtig entgegentürmte, war die Erlangung eines Passes. Da ich wusste, dass ich, wenn ich mich mein Vorhaben nach Hause schriebe, nicht nur keinen Pass erhalten, sondern augenblicklich heimberufen würde, so schrieb ich, es sei hier ein junger, englischer Advokat aus London, ein Verwandter von meines Vetters Frau, die Engländerin war. Dieser sei auf einer Reise nach Paris begriffen und habe mich dringend eingeladen, ihn zu begleiten. Aus verschiedenen Gründen hätte ich es zuerst ausgeschlagen, ihm jedoch zuletzt versprochen, bis nach Straßburg mitzugehen. Deshalb bitte ich, mir sobald als möglich einen Pass ausstellen zu lassen.

Handbüchlein für Reisende – Die Schweiz

Der Brief ging ab, und neue Zweifel stiegen in mir auf, da ich fest überzeugt war, bloß einen Pass für Frankreich zu erlangen, der mir so gut wie nichts half. Zwei Tage lang saß ich auf glühenden Kohlen, als endlich am dritten Tage die Antwort eintraf. Mit zitternden Händen öffnete ich den Brief; es lag ein Pass darin, der zu meinem Glücke für alle Staaten Europas ausgestellt war. Mit dem Schreiben erhielt ich zugleich Kleidungsstücke und Wäsche. Ich war nun weiter als Henninger, der noch keinen Pass hatte. Er reiste deshalb am anderen Morgen nach Darmstadt, nahm den meinigen nochmals mit, um ihn, was unumgänglich nötig war, von dem österreichischen Gesandten visieren zu lassen, und kam dann mit beiden Pässen wieder zurück. So war alles fertig und zur Abreise bereit. Mein Vetter übergab mir das Reisegeld. Ich kaufte mir noch Bädekers Reisehandbuch für die Schweiz. Darauf gingen wir hinab an den Rhein; die Pferde wurden uns nachgeführt.

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