9. Sursee – Flüelen – Über der Vierwaldstättersee

Am nächsten Tage verließen wir Sursee, einigermaßen ärgerlich über die große Rechnung. Doch die an Schönheit immer mehr zunehmende Umgebung ließ uns dergleichen Dinge bald vergessen. Wir hatten immer die Schneeberge vor Augen, und obgleich es uns schien, als müssten wir sie in ganz kurzer Zeit erreichen, so dehnte sich doch der Weg nach Luzern ganz gewaltig, und wir fanden, dass sich der Pflock auf dem Hauenstein mit seinen zwölf Stunden doch, nach unsrer Arte die Wege zu messen, gewaltig geirrt hatte.

Dampfschiff in Luzern

Es war lange nach Mittag, als wir in Luzern einzogen. Da wir den vorhergehenden Tag nur eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, so hielten wir uns nicht lange dort auf und beschlossen, mit dem um drei Uhr abgehenden Dampfboot bis nach Flüelen zu reisen. Als wir im Gasthof kaum etwas zu uns genommen hatten, war es auch schon Zeit aufzubrechen; denn der Pferde wegen mussten wir früher am Strande sein. Die Billette für das Dampfboot wurden nicht, wie bei uns, in einem Bureau auf dem Lande, sondern auf dem Schiffe selbst genommen. Besondere Ställe, die zum Transport von Pferden und ähnlicher Tiere aufs Verdeck gestellt werden, waren nicht, wie bei den Rheindampfern, vorrätig, denn man weiß dort gar nichts davon. Die überzusetzenden Tiere wurden vielmehr ohne weiteres auf die Verdecke geführt, mit einem kleinen Stricke an das drei bis vier Fuß hohe Geländer des Schiffes angebunden und ihrem eigenen Willen überlassen. Pferde werden gar selten übergefahren, weil man keine hat, dagegen um so mehr Rindvieh. Neben unsern beiden Stuten kamen drei Stiere zu stehen, und zwar so nahe, daß einer von diesen mit seinem Horne beinahe unserm Rappen ein Auge ausgeschlossen hätte.

Ankunft Dampfschiff in Flüelen

Doch gelangten wir, ohne daß ein Unglück geschehen wäre, nach Flüelen. Dort kehrten wir im „Adler“ ein. Nach dem Nachtessen blätterte ich, meiner Gewohnheit nach, das Fremdenbuch durch und fand zu meiner Freude einige bekannte Namen. In der Fremde macht oft die geringfügigste, unbedeutendste Sache, die uns an die Heimat erinnert, einen unbeschreiblichen Eindruck auf uns. Auch ich empfand ihn, als ich beim Umwenden einer Seite plötzlich mit großer Schrift geschrieben fand: „Auditeur Kühn nebst Gemahlin“ und kurz darauf: „V.A. Lenz aus Darmstadt“.