8. Reiden – Sursee – Die Entdeckung der Schweizer Stunden

Herrlich war das Wetter und nicht minder die uns umgebende Landschaft; denn immer näher kamen wir jetzt dem romantischsten Teile der Schweiz, der Umgegend des Vierwaldstädter Sees. Hier sangen im Thale die Kleinen jedoch mit. Hier fangen im Tale die kleinen, jedoch mit mächtigen Strohdächern versehenen Häuser an, während man auf den Bergen die Sennhütten immer häufiger gewahrt, die, wenn sie sich in bedeutender Höhe befinden, gleich einem kleinen Felsen am Waldessaum oder auf den grünen Wiesenstücken erscheinen. Man hat uns gesagt, dass Sursee, das nächste bedeutende Städtchen, wo wir einkehren konnten, nur fünf kleine Stunden von Reiden entfernt sei, aber es waren echte Schweizerstunden, so dass wir gar bald eine nicht ganz unbedeutende Müdigkeit verspürten und es nach einiger Überlegung gut fanden, dort zu übernachten.

Sursee ist eine alte befestigte Stadt, deren Tore heute noch Habsburgs Doppeladler ziert. Merkwürdig ist das alte Rathaus. Die rot und weiß angestrichenen Läden seiner Fenster erweckten wehmütige Gefühle in mir, zumal ich sie den ganzen Tag vor Augen hatte; denn unser Gasthaus, der „weiße Schwan“, war dem Gebäude gerade gegenüber. Nachdem wir zu Mittag gegessen, benutzten wir die übrige Zeit zu einem Spaziergang in der Stadt und deren Umgegend. Wir versäumten nicht, uns die niedlichen Schweizerhäuschen mit Muße zu betrachten. Sie sind meistens einstöckig, im Tale mit Stroh, auf der Höhe mit Holzplatten oder Rinde gedeckt, auf die des Windes wegen große Steine gelegt sind. Darin stimmen sie alle überein, dass sie hölzerne Vorbäue oder Galerien haben, die zum Teil offen, zum Teil durch Glasfenster geschlossen sind. Das Innere gleicht an Schönheit und Zweckmäßigkeit dem Äußern. Statt der Tapeten sieht man sehr oft getäfelte Wände. Die Decken der Zimmer bestehen fast immer aus Holz. Interessant sind, die ungeheuern Steingutöfen, meistens blau mit weißer Einfassung. Sie haben manchmal eine Länge von zehn Fuß und mehr, und eine verhältnismäßige Höhe. Die Ställe in den Gasthäusern sind fast durchgehends gut eingerichtet; auch trifft man gutes Futter an. Nur mit dem Hafer kann man leicht betrogen werden und muss sich deshalb damit in Acht nehmen. Das Wasser ist überall frisch und gesund.

Kaum hatten wir auf unserm Spaziergang das Stadttor verlassen und waren auf die Chaussee gelangt, als wir eine herrliche Aussicht auf die Hochalpen hatten, die sich um den Vier-Waldstätter See herumlagern. Auf ihren Spitzen sahen wir große Schneemassen lagern, die wir anfänglich für Wolken hielten, die sich um die Gipfel gesammelt hätten. Nach einer kleinen Viertelstunde gelangten wir an den Sempacher See, der sich über zwei Stunden in die Länge und ungefähr dreiviertel Stunden in die Breite erstreckt.

In unsrer Nähe waren einige erbärmliche Fischerhütten. Boote, Fischkästen und Netze bedeckten das Ufer. Ein alter, grauköpfiger Fischer war damit beschäftigt, die Netze von den Trockenstangen zu nehmen. Als er uns gewahrte, hielt er mit seiner Arbeit ein, trat näher und begann mit großer Geschwätzigkeit eine ellenlange Rede. Was aber eigentlich ihr Inhalt war, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen; denn der Mann sprach ein so barbarisches Schwizerdütsch, dass wir ihn unmöglich verstehen konnten. Als er aber seine Hand ausstreckte, und wir unsern Blick nach der bezeichneten Richtung hinwandten, hatten wir einen herrlichen Anblick. Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu und sandte ihre letzten Strahlen auf die schneebedeckten Gipfel der Berge, die in herrlicher, rosenroter Farbe erglänzten. Man nennt dieses Schauspiel Alpenglühn, und der Zufall wollte es, dass wir gerade zur rechten Zeit an den See kamen; denn von der Stadt aus, die viel tiefer lag, hätten wir es schwerlich sehen können. Solange nur noch ein Schein zu erkennen war, hefteten wir die erstaunten Augen an jene Gipfel. Als aber die Sonne gänzlich verschwand, und mit der einbrechenden Dunkelheit sich zugleich ein kalter, schneidender Wind vom See her erhob, traten wir unsern Rückweg nach der Stadt an.

Wir saßen im Speisesaal, als mehrere Schüsse, von Lärm und Jubel begleitet, in der Nähe unsers Gasthauses hörbar wurden. Wir glaubten nun schon, auch hier gerade recht zu einer ähnlichen Festlichkeit wie das Schützenfest vom vorigen Abend gekommen zu sein. Da ging die Tür auf, ein Mann trat in geschäftiger Eile, ohne zu grüßen, herein, zog ein gedrücktes Blatt aus der Tasche und las mit triumphierender Miene und lauter Stimme vor, dass der große Rat zu Bern die Eisenbahnfrage mit Majorität dahin entschieden habe, die geplante Bahn nicht nach der vorgeschlagenen Richtung, sondern über Sursee zu führen. Diese Nachricht gereichte den Einwohnern von Sursee zur großen Freude; denn der Jubel, das Singen und Schießen nahm erst gegen Morgen ein Ende.