7. Aarburg – Reiden – Begegnung mit Thrineli

Reiden – Gasthaus Mohren

Es entstand daher bei uns die Frage, ob wir hier bleiben oder noch weitermarschieren sollten. Ein guter Geist ließ uns für das Bleiben entscheiden. von den beiden Gasthäusern des Dorfes wählten wir den „Mohren“, wiederum eine äußerst glückliche Wahl. Kaum hatten wir’s uns nämlich, in dem uns angewiesenen Zimmer bequem gemacht, als wir Töne einer Musik vernahmen, die immer näher zu kommen schien. Ich ging ans Fenster und sah, wie ein großer Zug von Männern von der Chaussee her sich nach unserm Gasthaus heranbewegte. „Ich glaube wirklich“, sagte ich zu Henninger, „sie kommen in den Mohren herein.“ Und dies war in der Tat der Fall. Die Musikanten blieben vor dem Hause stehen, indes die Schützen – denn diese waren es – die Büchse über die Schulter, mit der Miene von Kriegern, die aus dem Kampfe heimkommen, in Reih‘ und Glied durch ist durch die große Wirtshaustür hereinzogen. Wir tauschten gegenseitig unsere Vermutungen über das Geschehene aus, als wir durch ein Klopfen an unsrer Türe unterbrücken unterbrochen wurden. Der Eintretende war der Herr Gasthalter selbst, der uns höflich einlud, an dem Festessen teilzunehmen, das unten im Saale stattfinden sollte. Zuerst dankten wir ihm, indem wir Vorgaben, unsre Gegenwart als Fremde möchte den Herren vielleicht unangenehm sein und störend auf die Heiterkeit und Gemütlichkeit des Festes einwirken; aber der freundliche Herr Arnold – denn so hieß, wie wir später erfuhren, der Wirt – ließ sich dadurch nicht irre machen. „Ich komme ja nicht als Wirt“, sagte er, „sondern als Abgesandter der ganzen Schützengesellschaft, die, weit entfernt durch die Gegenwart von Fremden gestört zu werden, es sich vielmehr zur Ehre anrechnet, sie gastlich zu bewirten, damit sie in ihrer Heimat erzählen können, wie es auf einem Schwitzer Schützenfeste zugeht.“ Daraufhin nahmen wir die Einladung ohne Widerrede an und stiegen hinab in den festlich geschmückten Saal. Wir erhielten unsre Plätze mitten an der Tafel. An der uns gegenüberstehenden Wand war die prächtige Schützenfahne aufgehängt, auf deren weißseidenem Grunde in Goldschrift die Worte prangten: „Schützengesellschaft vom Luzernischen Wiggertale“.

Unser lebendiges Gegenüber waren dagegen zwei kräftige, muntere Schweizer und ihre Ehehälften, die dieselben Tugenden wie ihre Ehemänner besaßen. Überhaupt war das weibliche Geschlecht stark vertreten, und wir hatten damals Gelegenheit, die äußerst nette Nationaltracht der Schweizerinnen zu bewundern. Am schönsten steht ihnen das knappe Sammtmieder, geziert von Knöpfen, Schnur, Schnüren und Kettchen aller Art.

Das Festessen, das jetzt seinen Anfang nahm, war äußerst reichlich und trefflich besetzt. Da war jedes Geflügel, von kleinsten bis zum größten, ja fast jedes jagdbare Wild vertreten. Am meisten aber staunten wir über den Nachtisch, und wir konnten gar nicht begreifen, wie man in einem so kleinen Orte, der doch zehn Stunden von Luzern und noch weiter von Basel entfernt liegt, die ausgesuchtesten Torten und Konfekte aller Art hatte auftreiben können. Nicht minder war für das Getränke gesorgt, und als der Wein die Zungen löste und die Unterhaltung lebhafter wurde, brachte der Wert einen großen silbernen Pokal, den er als ersten Preis auf dem großen Schützenfeste zu Bern im Jahre 1851 gewonnen hatte, und der nun, mit Toasten aller Art begleitet, Die Runde machte. Nach dem Essen kam der Tanz (siehe Das Schwizer Schützenfest und Sehnsucht nach Thrineli ).

Obwohl wir am Tage einen bedeutenden Marsch gemacht hatten und ich in die spitzen Steine des Hauensteins noch auf meinen Fußsohlen spürte, so hielten wir doch wacker aus, zumal uns unsre freundlichen Gastgeber um keinen Preis freigelassen hätten. Erst gegen Morgen konnten wir uns ungestört der Ruhe hingeben; aber kaum sandte die erwachende Sonne ihre ersten Strahlen über die Erde, als wir auch wieder frisch und munter auf den Beinen waren, unsre Zeche, mit der wir allen Grund hatten, zufrieden zu sein, bezahlten und dann unsern dritten Tagemarsch antraten.