6. Bukten – Aarburg – Armee-Manöver

Wir waren mit der Bewirtung des „Halbmonds“ zufrieden. Besonders reichlich war das Frühstück. Es bestand aus zwei großen irdenen Gefäßen mit Milch und Kaffee, von denen ein jedes beinahe eine Maß zu fassen imstande war, und aus Butter und Honig, sowie aus Himbeersaft, der bei einem Frühstück in der Schweiz nie fehlt. Obwohl die erwähnten Milch- und Kaffeebehälter von so beträchtlicher Größe waren, dass man sich beinahe hinter ihnen hätte verbergen können, so war ihr Inhalt durch so vortrefflich, dass wir sie beinahe bis auf den Grund leerten. Kaum hatte „Anne-Mari“, die Kellnerin des „Halbmondes“, dies bemerkt, als sie sie mit geschäftiger Eile von neuem auszufüllen trachtete, und es war eine halbe Demosthenesberedsamkeit notwendig, um sie von ihrem wohlgemeinten Vorsatz abzubringen. Auch mit der Zeche konnten wir diesmal noch zufrieden sein, und nachdem wir sie entrichtet und die Pferde gesattelt hatten, traten wir unsre zweite Tagereise an.

Gleich hinter Bukten erhebt sich der Hauenstein, eine beträchtliche Höhe, die wir übersteigen mussten. Einen Führer hatten wir nicht nötig, da dieselbe Chaussee, worauf wir uns befanden, über den Berg führte. Und der Telegraph, der von Basel bis nach Como geht, uns immer begleitete und uns leicht den rechten Weg erkennen ließ, wenn sich die Straße etwa teilte. Endlich hatten wir die Höhe erreicht, und eine herrliche Aussicht lohnte unsre Mühe. Wir wanderten weiter. Auf der höchsten Spitze des Berges stand ein Pflock mit der Inschrift: „Zwölf Stunden nach Luzern“. Es waren Schweizerstunden gemeint, die wir bald genauer kennenlernen sollten.

Die Straße führt nun über den unteren Hauenstein, der sich etwas über 2000 Fuß über die Meeresfläche erhebt, und von dem man ebenfalls eine herrliche Aussicht genießt. Um den Berg sich herumziehend, senkt sich die Chaussee allmählich ins Tal, indes ein Seitenweg schneller dorthin hinabführt. Diesen schlug ich ein, um den Umweg zu sparen.

Zuerst durch steile, zum Teil überhängende Felsen sich windend, senkte sich plötzlich der Weg senkrecht in die Tiefe hinab. Dazu kam noch, dass er ganz und gar mit Geröll und kleinen spitzen Steinen bedeckt war, so dass ich manchmal zehn Fuß weit hinabglitt und mich beinahe auf allen Vieren fortbewegen musste, ohne zu gedenken, was meine Stiefel dabei erduldeten. Damals nahm ich mir vor, nie wieder abzuschneiden.

Als ich endlich im Tale auf der Chaussee angelangt war, sah ich meinen Begleiter noch weit über mir in einer beträchtlichen Höhe einherreiten. Gemächlich ließ ich mich auf einen am Weg stehenden Stein nieder und hatte Zeit und Muße, mir die herrliche Gegend genauer zu betrachten. Ich befand mich, wie schon bemerkt, in einem engen, einer Schlucht ähnlichen Tale, das rings von mächtigen Bergen umgeben war. Vor mir lag auf einer bedeutenden Höhe die einst mächtige Frohburg in gewaltigen Trümmern und zu meiner Rechten auf einen Bergesabhange die niedliche Kapelle des Dörfchens Isenthal. Ich war noch in Betrachtungen versunken als mein Begleiter sich plötzlich nahte, worauf wir von neuem den Marsch fortsetzten. Bald darauf langten wir in Olten an. Dies ist die zweite Stadt des Kantons Solothurn, an der Aar gelegen, zu deren rechten Ufer uns eine verdeckte hölzerne Brücke, wie man sie noch häufig in der Schweiz antrifft, führte. Eine Zeitlang bleibt die Straße am Ufer des erwähnten Flüsschens, dann wendet sie sich nach links, und man gelangt in das Städtchen Aarburg im Kanton Aargau, das nach einem Brande im Jahre 1840 wieder gänzlich aufgebaut worden war. Dort beschlossen wir zu rasten.

Wir kehrten in einem der ersten Gasthäuser ein. Kaum hatten wir zu Mittag gegessen, als sich der Himmel überzog und es tüchtig zu regnen anfing. Der Wirt, den wir darüber zu Rate zogen, erklärte natürlich, es wäre ein sehr anhaltender Regen, und fragte zugleich, ob er uns ein Zimmer geben sollte. Da uns unter diesen Umständen nichts anderes zu tun übrig blieb, so nahmen wir sein Anerbieten an. Wir hatten uns kaum in unserm Zimmern eingerichtet, als wir einen bedeutenden Schlag oder Knall vernahmen, den ein herrliches Echo rings in Berg und Tälern widerhallte. „Wenn das der Donner war“, meinte Henninger, „so werden wir kein übles Gewitter bekommen!“ Er hatte noch nicht ausgeredet, als sich das Getöse von neuem hören ließ, und zwar mehrere Male hintereinander, so daß wir es als ferne Flintenschüsse erkannten. Wir fragten den Wirt, was es bedeute. Er sagte uns, dass das Armeekorps, des Kantons Aargau großes Manöver halte. Da es so ziemlich aufgehört hatte, zu regnen, und er uns gar zu gern über Nacht beherbergt hätte, so schilderte er mit einer bewunderungswürdigen Beredsamkeit, wie herrlich und Interessant es sei, einem solchen Manöver zuzusehen. Wir ließen uns aber nicht fangen, bezahlten unsre Zeche und gingen weiter.

Zofingen
Zofingen – Römerbad mit Mosaikboden

<<Post nubila Phoebus>> (nach Wolken die Sonne), sagt das Sprüchwort, und es bewährte sich auch damals. Es war ein herrlicher Abend, und die Schönheiten der Natur, die mich umgaben, bewundernd, vergaß ich die Müdigkeit, die mir die spitzen Steine des Hauensteins verursacht hatten. So gelangten wir nach Zofingen, einem ziemlich bedeutenden Städtchen mit einer sonderbar gebauten Kirche und einem ebensolchen Torturm, den verschiedene Wappen uns Schilde zieren. Das Bemerkenswerteste jedoch ist ein in der Nähe befindliches, noch gut erhaltenes Römerbad mit seinem Mosaikboden.

Schon senkte sich die Sonne hinter die Berge, und Dämmerung lagerte sich in die Täler, als wir uns dem Dorfe Reiden näherten. Von weitem schon hatten wir wiederholt schießen hören und es für Nachklänge des Aargauer Armeekorpsmanövers gehalten. Als wir aber näher kamen, sahen wir vor dem Orte auf einer großen Wiese Schießstände und Zelte errichtet, deren mit Bändern und Fahnen gezierte Gipfel und Spitzen von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne malerisch beleuchtet wurden; allein der Jubel nahm, der eintretenden Dunkelheit wegen, leider ein Ende; man verteilte die Preise an die besten Schützen.