5. Basel – Bukten – Erste Schweizer Gehschritte

„Als nun die frühgeborne rosenfingerige Eos emporstieg“, erhob ich mich vom Lager, um nach dem Wetter zu sehen; denn heute wollten wir unsre erste Fußwanderung in der Schweiz antreten. Von ungefähr viel mein erster Blick auf die Straße; da stand, an den großen Türpfosten gelehnt, der menschenfreundliche Italiener, der mir am Tage vorher so treuen Beistand geleistet hatte. Ich hatte ihm nämlich gesagt, er möchte, wenn er gerade vorbeiginge, noch einmal hereinkommen. Und nun war’s erst sechs Uhr, und wer weiß, wie lange er schon dastand. <<Cape laetus horam>> dachte ich mit Horaz, kleidete mich schnell an, ließ Henninger in seiner Ruhe, deren er nach der Not und den Drangsalen des vorigen Tages so sehr bedurfte, und eilte ihn ab zu dem geduldig harrenden Italiener, der mir jetzt als Führer auf einem Gange durch die Stadt dienen sollte.

Als ich wieder in das Gasthaus zurückkehrte, war mein Reisegefährte abermals verschwunden. Endlich sagte mir der Hausknecht, er sei zum Sattler gegangen, und mehreres an dem Pferdezeug ausbessern zu lassen. Nach einer guten halben Stunde kam er erst zurück, und bis nun gepackt und gesattelt war, wurde es halb zehn Uhr, ehe wir unsern Tagemarsch antraten. Da beschlossen wir denn, in Zukunft genau der Vorschrift des alten Philander von Sittewald zu folgen, Die vorn in unserm Reisebuch stand und folgendermaßen lautete:

wer reisen will,

der schweig‘ sein still,

Geh‘ steten Schritt,

Nehm‘ nicht viel mit,

Tret‘ an am frühen Morgen,

und lasse heim die Sorgen.

Wir hatten nur einen Sattel, so dass nur immer einer von uns reiten konnte. Das andere Pferd trug das Gepäck. Mein äußerst höflicher Begleiter machte den Vorschlag, dass, wer am Morgen gegangen wäre, am Mittag reiten dürfe und umgekehrt. Zwei Gründe bestimmten mir aber dazu, andrer Meinung zu sein: hätte ich einmal einen halben Tag lang auf dem Pferde gesessen, so wäre mir am nächsten Tag das Gehen bei weitem sauerer geworden, als wenn ich immer gegangen wäre. Und dann war auch, ich will es gestehen, mein Ehrgeiz mit ihm Spiele, denn es dünkte mir etwas Großes, nach meiner Heimkehr sagen zu können, ich habe die ganze Schweiz in wenigen Tagen zu Fuß durchwandert. Diesen von mir fest gefassten Entschluss habe ich auch so ziemlich wenigstens ausgeführt.

So ging ich denn leichten Schrittes neben unserer Rosinante einher, den Ziegenhainer in der Rechten und das kleine Täschchen, das unsre Barschaft enthielt, um die Schulter gehängt. Kaum lag Basel hinter uns, als wir auch schon mitten in den Bergen waren, die bis zur lombardischen Tiefebene unsre steten Begleiter waren. Zwischen durch schlängelt sich der Rhein. Ein lebensfroher Jüngling, rauscht er dahin durch die heimatlichen Täler, und des Menschen allbezwingendes Joch drückt noch nicht seinen freien Nacken.

Gasthaus “Zum Stab” in Liestal

Links und rechts von der Straße sieht man herrliche Wiesen, von denen das harmonische Geläute der Glocken noch ertönte, obgleich die Jahreszeit schon ziemlich vorgeschritten war. Auch Wein pflanzt man dort. Wir kamen an einem Weinberg vorbei, wo man Weinlese hielt. Da ich noch einen einzigen, großherzoglich hessischen Kreuzer in der Tasche hatte, so verhalf mir dieser zu einer tüchtigen Portion Trauben; denn die Leute wussten gar nicht, was das für ein sonderbares Geldstück sei, und betrachteten es wohl zehnmal hin und her. Jetzt kamen wir in das sogenannte rote Haus, eine beträchtliche Meierei, und indem wir das herrlich an einem Bergabhang gelegene Schönthal zur Rechten ließen, gelangten wir etwas nach Mittag in das Städtchen Liestal, den Hauptort von Basellandschaft. Dort stellten wir im Gasthaus „Zum Stab“ ein. Nun aber fing die Not an. Die Sprache, die die Leute dort reden, ist zwar auch Deutsch, aber keiner, der nicht zum wenigsten zwei Tage dieses „Schwizerdütsch“ gehört hat, kann es verstehen. So ging es auch uns anfangs; sobald man sich aber einmal die einzelnen Eigentümlichkeiten gemerkt hat, versteht man alles recht gut, Ja, man gewöhnt sich gar bald daran, selbst so zu sprechen. Dies war auch bei mir der Fall, und an andern Orten hat man mich manchmal gefragt, ob ich nicht ein Züricher sei.

Mit vieler Mühe verständigten wir uns daher mit der Frau Wirtin, einer echten Schweizerin von Natur. Unsere Zeche war nicht bedeutend. Nachdem wir sie beglichen hatten, brachen wir wieder auf.

Immer reizender und romantischer entfaltete sich die Gegend vor unseren erstaunten Blicken, immer höher türmten sich die Berge, immer saftiger und grüner wurden die ringsumher zerstreuten Wiesen, woher der Klang unzähliger Glocken der weidenden Kühe an unser Ohr schlug. Alles dies gewährte uns die angenehmste Unterhaltung, denn es war neu und überraschend für Aug‘ und Ohr. Wir verließen das Flüsschen Ergolz, dessen Lauf wir gefolgt waren, und gelangten, die in der Nähe des Städtchens Sissach gelegene Sissacherflue überschreitend, Nach einem ziemlich starken Marsche in dem Städtchen Bukten an. In meinem Reisebuch waren zwei Gasthäuser angegeben: der „Halbmond“ und die „Sonne“. Ich stimmte für den Halbmond, denn, da wir einmal hier übernachten wollten, so passte doch das Gestirn der Nacht besser dazu als das des Tages, das überdies gerade so aussah, als ob sein warmer Strahl leicht unser Metall in der Tasche hätte schmelzen können, das schon in Straßburg viel gelitten hatte. Wir kehrten also in den sanften „Halbmond“ ein, aus dessen Tor bei unserer Ankunft geschäftig der jugendliche Hausknecht herbeieilte, dessen Name, wie wir bald erfuhren, „Seppli“ war.