3. Mainz – Straßburg – Mit dem Boot

Am Freitag, dem 6. Oktober 1853, abends sechs Uhr schifften wir uns in Mainz ein. Henninger hatte Proviant mit aufs Boot gebracht. Es war ein schöner Abend, und wir hofften, eine angenehme Nacht auf dem Wasser zuzubringen. Dem war aber nicht so. Kaum waren wir eine kleine Strecke gefahren, als die Pferde anfingen, unruhig zu werden; in Zeit von einer halben Stunde hatten wir uns beide durch lauter Ermahnungen und Zurufen heiser geschrien. Ein solcher Anfang unsrer Reise heiterte uns wenig auf, und die Gedanken an die Zukunft versetzten uns in eine trübe Stimmung. So langten wir endlich um Mitternacht in Mannheim an. Es war stichdunkel, und die Matrosen fluchten, und der bärtige Kapitän empfing uns mit einem Donnerwetter und behauptete steif und fest, wir könnten nicht mehr am nächsten Abend nach Straßburg kommen, sondern müssten wir hier in Mannheim bleiben, und mit der Eisenbahn fahren. Unser Boot hätte nämlich statt um zwölf Uhr schon um neun Uhr in Mannheim eintreffen müssen, damit das Straßburger Boot, wohin wir umgeschifft werden sollten, noch vor Schließung des Kanals am folgenden Abend in Straßburg ankommen konnte. Das war nun nach der Versicherung des Kapitäns nicht mehr möglich.

Was war hier zu tun? Wir hatten bis Straßburg bezahlt und wussten nicht, ob wir von der Agentur unser Geld wiederbekommen würden, und ob nicht die Eisenbahn doppelt so viel kostete. Nun wusste ich von einem Tarif, den ich in Mainz gelesen, dass das Dampfboot um zwei Uhr in Straßburg hätte ankommen müssen; wenn wir also drei Stunden später abfuhren, so mussten wir auch drei Stunden später also, um fünf Uhr, folglich zu einer Zeit, wo der Kanal noch nicht geschlossen war, in Straßburg eintreffen. Überdies merkte ich, dass sich die Matrosen vor der Arbeit scheuten, die beiden Pferdeställe von einem Boot aufs andre zu schaffen, so dass sie vielleicht nur deshalb so fest behaupteten, wir könnten nicht mitkommen.

Gleichwohl blieb immer die Frage des Kapitäns, ob wir jetzt mit wollten oder nicht, einigermaßen kitzlich für uns. Es galt deshalb einen raschen Entschluss. Da mein Begleiter Henninger hierfür, wie ich gleich damals merkte, nicht der Mann war, so erklärte ich kurzgefasst dem Kapitän, dass wir mitgingen, und wenn’s drei Tage dauerte. Ein ganzes Bombardement von Flüchen folgte meinen Worten; jedoch machten sich die Matrosen an die Arbeit, die Pferde wurden herübergeschafft und fort ging’s mit Windeseile durch die Mannheimer Brücke hindurch und weiter.

Durch die unsanfte Behandlung bei der Ausschiffung waren die Pferde so wild geworden, dass wir uns entschließen mussten, die Nacht auf dem Verdecke zuzubringen. Es war dort einigermaßen kalt, und manchmal fielen uns vor Schlaf und Müdigkeit die Augen zu. Endlich gegen vier Uhr waren die Pferde ruhig. Wir wollten nun wenigstens eine Stunde des süßen Schlafes genießen begaben uns zu dem Ende in die vordere Kajüte. Aber welch ein Anblick! Zum wenigsten vierzig bis fünfzig Flößer hatten hier ihr Lager aufgeschlagen. Der eine lag auf der Bank, der andere auf einigen wackelnden Kajütenstühlchen; ein dritter lag unter, ein vierter auf dem Tisch und drohte, durch die rüttelnde Bewegung des Schiffes mehr und mehr an den Rand des Tisches vorgeschoben, jeden Augenblick auf seinen Sorglos schlummernden Kameraden herabzufallen. Wir hatten nicht Lust, uns dem freundlichen Stoße eines Flößerstiefelabsatzes preiszugeben; auch war das Parfüm, das um dieses Nachtlager herrschte, zu stark für unsre Nervenschwachen Nasen. Wir begaben uns daher schleunigst in die erste Kajüte, wo wir Platz genug fanden, unsre müden Glieder auszustrecken.

Als ich die Augen wieder öffnete, war es schon ziemlich hell; ein lichter Streif am östlichen Himmel kündete den neuen Tag an. Endlich stieg auch die Sonne flammend empor, und den Sterblichen Wärme, Licht und neues Leben zu bringen. Nun tauchte auch ein Flösser nach dem andern aus der kleinen Kajütentür hervor, „schüttelte die Mähnen mit langem Gähnen“ und blickte dann mit erstauntem Blick einigemal nach der linken und ebenso nach der rechten Seite. Zu gleiche Zeit zog er entweder ein irdenes, anderthalb Zoll langes Pfeifchen oder an seinen geliebten Kautabak hervor, schnitt ein Stück davon ab, schob es zwischen Backen und Zähne und biss wie ein hungriger Wolf darauf; ja, einer versicherte mir sogar, dass darin seit Vierzig Jahren sein einziges Frühstück bestehe.

Indes Henninger die Pferde besorgte, machte ich die Bekanntschaft eines Italieners, der eine englische Grammatik bei sich hatte, weil er gerade anfing, Englisch zu lernen. Wir machten wechselseitig Lehrer und Schüler; er lehrte mich einige italienische Phrasen und ich half ihm im Englischen nach.

Von Mainz bis Straßburg sind die Ufer ganz flach; Alle hundert Schritte stehen vielleicht einige alte Weidenbäume, von etlichen Steinhaufen umgeben. Nur auf der französischen Seite gewahrt man, als einzige Ausnahme, von Zeit zu Zeit ein wohlgebautes Zollhäuschen, dicht am Ufer stehend, vor dem, behaglich seine Zigarre rauchend, der blau blaubefrackte Douanier (Zöllner) sitzt. Es mochte ungefähr vier Uhr sein, als wir am Horizont die Spitze des Straßburger Münsters erblickten. Nicht nur wir waren darüber sehr froh, sondern auch die bärtigen Gesichter der Matrosen heiterten sich auf, die eine ganze Woche lang in ernsten Falten gelegen. Denn ein Matrose lacht nur am Samstagabend und am Sonntag, wo nichts gearbeitet wird, an Werktagen niemals.

So gelangten wir denn endlich an die Einfahrt des Straßburger Kanals. Die Stadt liegt nämlich nicht ganz am Rhein, sondern etwas entfernt und höher als der Fluss, weshalb man vermittelst Schleusen erst nach Straßburg gelangt. Die ungeheuern Schleusen sind wirklich etwas Kolossales; noch mehr aber muss man staunen über die verschiedenen Konstruktionen der Brücken, die über den Kanal führen, besonders wenn man so etwas zum erstenmal sieht. Als wir an die erste gelangten, teilte sie sich in der Mitte, und beide Teile wurden, auf einer beweglichen eisernen Kogel ruhend, nach der nach der Landseite zu gedreht. Die zweite Brücke teilte sich ebenfalls in der Mitte und beide Teile wurden so hoch in die Höhe gehoben, dass sie freien Durchgang gewährten. zu allen diesen Operationen waren übrigens nur zwei Männer nötig.

Straßburg

Endlich gelangten wir mitten in die Stadt an die Anfahrt der Dampfbote. Hier empfingen uns einige „Rothosen“ mit ernsten und strengen Amtsmienen. Unsre Pässe würden für richtig befunden und schon glaubten wir, glücklich passieren zu können, als mich einer am Arm nahm und aufs Zollbureau führte, wo ich an genaues Signalement der Pferde abgeben und fünfzig Franken hinterlegen musste. Diesen Geldbetrag konnte ich, so sagte man mir, in St. Louis, der letzten französischen Station, wieder in Empfang nehmen. Nachdem diese Sache abgemacht war, wanderten wir nach dem Hôtel à la cave profonde (Gasthaus zum tiefen Keller), dass mir mein Bruder empfohlen hatte. Zuerst wurden die Pferde besorgt. Das taten wir immer, denn sie waren anvertrautes Gut, das wir so unversehrt wie wir‘s empfangen haben, auch wieder abliefern mussten.