15. Bellinzona – Chiasso – Fast pleite!

Der Tag verging, es kam die Nacht, es kam auch der Morgen, aber das Geld – kam nicht. Wir ließen uns die Rechnung machen; sie betrug, wenn ich mich recht erinnere, 28 oder 30 Franken. Es kam mir sonderbar vor, als ich dem Wirt das Geld gab, daß mir sein Hausknecht gepumpt hatte.

„Heut geht’s bis nach Chiasso, und wenn wir die Nacht durchreiten müssen!“, war nun unser Losungswort. Wir erreichten bald den 1720 Fuß hohen Monte Cenere, der von unten bis oben mit Kastanienbäumen bewachsen ist. Hundertweise lagen die reifen Früchte auf der Straße und wurden zertreten. Ach, welche sehnsüchtigen Gedanken stiegen bei diesem Anblick in mir auf, indem ich erwog, wie viele gebratene Gänse man mit diesen Kastanien hätte füllen können!

Zwei Stunden vom Gipfel des Monte Cenere ist ein Punkt, von wo aus man eine herrliche Aussicht auf die italienischen Seen und die sie umgebende Gebirge hat. Wer noch mehr sehen will, muss den Monte Camoghé besteigen, der sich in einiger Entfernung davon darbietet, und dessen Fuß von den Fluten des Luganersees bespült wird. Immer reizender wird die Umgebung, immer näher rückt man dem Lande, „wo die Zitronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“. Aber den Glanzpunkt aller Schönheit werden wird man erst gewahr, wenn man sich auf der Höhe über Lugano befindet.

Am Bergesabhang zieht sich das Städtchen hinauf mit seinen Kirchen, Kapellen und Klöstern, deren Türme sich in der klaren Flut des Sees spiegeln. Um diesen zieht sich rings das Gebirge, bedeckt mit hunderten von Landhäusern und Villen, deren weißer Anstrich sich noch blendender durch das dunkle Grün der Reben und Nussbäume hervorhebt. Über das Ganze im herrlichsten Sonnenschein strahlende Gemälde ist noch als Baldachin wolkenloser dunkelblauer Himmel gebreitet.

Unsre Augen hatten wir zwar an diesem Anblick geweidet, aber der Magen wollte auch befriedigt sein. Nicht minder bedurften wir der Ruhe, denn wir hatten einen Marsch von sechs Stunden gemacht. Kaum waren wir in den Straßen der Stadt, so kam schon ein kleiner Stiefelwichser mit seinem Kästchen auf dem Rücken geschäftig auf uns zu, um uns den Weg ins nächste Gasthaus zu zeigen und gelegentlich die Stiefel zu wichsen. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre der Junge, der außer seinem Kästchen noch einen Höcker auf dem Rücken hatte und die Welt mit schiefen Augen ansah, in seiner Dienstfertigkeit, an meinen Freund Henninger geraten und hätte seine Operation an ihm vorgenommen, obwohl dieser zu Pferde saß. Da mich diese Zudringlichkeit ärgerte, so nahm ich einen andern, der uns in das Albergo del Lago (Gasthaus zum See) brachte. Das hinderte jedoch den Buckligen nicht daran, uns bis in den Stall nachzufolgen, wo ihn endlich Henninger mit seiner Reitgerte vertrieb. An dem Pfosten der Stalltüre hingen einige Sättel von Offizierspferden. Sollte uns vielleicht der Vetter von Mailand entgegengekommen sein? Wir fragten den Hausknecht, die Kellner, ja den Gasthalter selbst nach ihm, allein vergebens, sie alle wussten von nichts.

Dies hielt uns nicht ab, eine Flasche Wein und ein Mittagessen zu bestellen. Damit hatten wir Suppe, Gemüse und Fleisch gemeint; der Gasthalter aber nahm es anders. Bei jeder neuen Schüssel, die aufgetragen wurde, steigerte sich unsre Besorgnis in Berücksichtigung unsrer zehn Franken immer mehr. Um zwei Uhr waren wir in Lugano angekommen, um vier Uhr hatte die Tafel ein Ende, und nun nahte sich der entscheidende Augenblick, wo es Zeit war, nach der Zeche zu fragen. Ich glaube, der gnädige Herr Gasthalter hatte unsre finanziellen Verhältnisse durchschaut; er drückte vielleicht, wie der Signore Meier in Bellinzona, ein Auge zu und ließ uns nur acht Franken bezahlen, so daß uns zwei volle Franken übrigblieben. Dennoch leuchtete uns ein, daß wir damit nicht nach Chiasso, unserm vorgesteckten Ziele, ausreichen würden; auch war die Zeit schon zu weit vorgerückt. Wir ließen uns deshalb ein Zimmer geben, pflogen darin wieder einmal in stiller Einsamkeit, ernstlichen Rat und beschlossen, diesmal den Gasthalter selbst anzupumpen.

Nir Deutsch

Ich setzte mich demnach nieder und schrieb an ihn einen de- und wehmütigen Brief, bekannte darin ganz offen, daß unsre Kasse schon seit einiger Zeit an der Schwindsucht leide, und bat ihn schließlich um einen Vorschuss von etwa zwanzig Franken, womit ich nach Mailand reisen wollte, um daselbst neuen Zuschuss zu holen; Henninger sollte unterdessen mit den beiden Pferden zu seiner Garantie in Lugano bleiben. Der Brief war soweit fertig, und Henninger sollte ihn nun an seine Adresse besorgen. Dieser sträubte sich aber gewaltig dagegen, hielt die Sache für viel zu umständlich, lief endlich zur Türe hinaus auf die Treppe, wo er, in der Meinung, die ganze Welt müsse Deutsch reden, mit lauter Stimme nach dem Gastwirt und dem Oberkellner rief. Ja, als ein Stubenmädchen an ihm vorbeiging, fragte er sie ganz naiv, ob denn der Herr Gasthalter ausgegangen sei, weil er ihm gar keine Antwort gebe, worauf diese ebenso naiv erwiederte: „nir Deutsch“ und davonging. Mit vieler Mühe und mit unterdrücktem Lachen machte ich nun meinem Reisegefährten klar, daß die Leute hier Italienisch redeten, und hat ihn nochmals den Brief zu besorgen, da ich mich zu sehr geniere, die Sache mündlich abzumachen. Henninger wollte aber nicht nachgeben; er wollte jetzt durchaus von mir wissen, wie „Herr Gasthalter, wollen Sie so gut sein, einmal heraufzukommen“ auf Italienisch heiße. Wenn ich ihm das sagen würde, so wolle er bald die ganze Geschichte zu Ende gebracht haben.

Um aus dieser Konfusion endlich herauszukommen, zog ich die Klingel, die Henninger gar nicht bemerkt hatte. Der Oberkellner ließ nicht auf sich warten. Ich reichte ihm mit weggewandtem Gesichte den Brief und hat ihn zu lesen und bat ihn, ihn zu lesen. Jetzt kam es aber erst zur größten Konfusion. Der Oberkellner meinte nämlich, er solle mir den Brief korrigieren und erklärte deshalb, nachdem er ihn mehrmals durchgelesen, er habe keinen Fehler darin gefunden. Ich musste jetzt Farbe bekennen, um das Missverständnis aufzuklären. Dies tat ich denn auch zum großen Erstaunen des Oberkellners; als dieser jedoch endlich die Sache begriffen hatte, erbot er sich mit der größten Bereitwilligkeit, uns so viel zu leihen, als wir verlangten. Ich sagte ihm, daß mir mit zwanzig Franken gedient wäre. Darauf eilte er hinab und in Zeit von einer halben Minute reichte er mir auf einem Teller vier blinkende Fünffrankstücke dar.

Eine geschlossene Grenze

Jetzt war uns wieder frischer Lebensmut gekommen. Wir gingen auf die Post. Ein rothaariger Beamter streckte seinen Kopf durch das Schalter und fragte nach meinem Begehr. Ich verlangte eine Karte für den nächsten Wagen nach Mailand. Da schüttelte er bedenklich den Kopf und meinte, ich würde das Geld umsonst ausgeben, denn auf der Grenze in Chiasso ließen sie höchst selten jemand passieren. Ich zeigte ihm die Visa des österreichischen Gesandten auf unsern Pässen. „Das hilft Ihnen so viel wie nichts“, erwiderte der Beamte; „wenn Sie nicht die Erlaubnis von kommandierenden General in Como haben, lässt man Sie nicht über die Grenze“. Davor hatte man uns schon in Bellinzona Angst gemacht, weil damals der österreichische Kaiserstaat verschiedener Gründe gegen die Schweizer Grenze besetzt hielt. Als nun der rothaarige Postbeamte in Lugano geradezu erklärte, ich könnte über Chiasso unmöglich nach Mailand kommen, da furchten wir wieder „schweren Kummers Falten“ die Stirne, die der Anblick der zwanzig Franken kurz vorher erst aufgeheitert hatte. Als nun Henninger, der von der ganzen, italienisch geführten Verhandlung auf der Post natürlich kein Wort verstanden hatte, mich von hinten am Rock zog und leise fragte: „Was sagt denn der Rotkopf da eigentlich?“, da konnte ich doch manchmal, trotz der betrübenden Dinge, die mir der Postbeamte sagte, kaum das Lachen unterdrücken.

Ich hätte auch auf einem andern Wege nach Mailand kommen können, nämlich von Lugano nach Megadino und von da mit dem Dampfboot über den Lago Maggiore nach Sesto Calende. Dann hätte ich aber bedeutend mehr Zeit und Geld gebraucht, wäre vielleicht so arm, wie wir in Bellinzona waren, nach Mailand gekommen und dort arretiert worden, während Henninger in Lugano von Tag zu Tag eine größere Rechnung gemacht hätte. Mit Henninger war nun gar nichts mehr anzufangen; er sah nur einen Ausweg offen, nämlich den, eines unsrer Pferde zu verkaufen und entweder am nächsten Morgen über den Lago Maggiore nach Mailand oder direkt zurück nach Mainz zu reisen.