12. Airolo – Faido – Der Mangel an Geld

Die Briefe wurden am nächsten Morgen auf die Post gegeben; wir aber machten uns trotz des gewaltigen Regens reisefertig mit dem Vorsatze bis nach Bellinzona zu marschieren. Ich war, in meinem Mantel gehüllt, meinen treuen Ziegenhainer in der Rechten, vorausgegangen. Ernsten Gedanken nachhängend, hatte ich schon das malerische Bedrettotal und die Felsschlucht Stalvedro passiert, über der sich die Trümmer eines alten marmornen Turms der Longobarden (casa dei Pagani, Heidenhaus) erheben, als ich hinter mir die Stimme meines Reisegefährten vernahm, der mir zurief, daß ich warten solle. Als er herankam, sagte er mir, daß das eine Hufeisen unseres Rappen nur noch an einem einzigen Nagel hänge, und daß ich mich bequemen müsste, hinten nachzusehen und es aufzuheben, wenn es abfiele. „Denn“, fügte er hinzu, „ein neues Eisen ist teuer, und Geld haben wir ohnedies wenig“. Hinter einem Pferde nachzugehen und unverwandten Blicks auf einen seiner Hufe zu sehen, war schon an sich kein angenehmes Geschäft. Dazu kam aber noch der sich immer heftiger einstellende Regen, so daß wir durch und durch nass wurden und den herrlichen Wasserfall der Calcaccia, das reisende Tal Leventina und den malerischen Dazio grande beinahe ganz unbeachtet ließen. Um dem allem noch die Krone aufzusetzen, begegnete uns eine ungeheure Herde pechschwarzer italienischer Schweine mit ihren langen herabhängenden Ohren, deren Führer uns mit der äußerst überflüssigen Bemerkung: „Schlecht Wetter heut!“ zunickte und vorüberging. Endlich erfolgte der längst ersehnte Abfall des Hufeisens. Ich hob es auf und dachte dabei an die Legende von Petrus, der ist nicht der Mühe wert hielt, einer auf der Straße liegendes Hufeisen mitzunehmen. Darüber fiel mir unser Gymnasium ein: „Jetzt sitzen Sie vielleicht am Horaz“, dachte ich, „in einem schönen, warmen Zimmer und lesen von närrischen Tigellius, wie er heute drei, morgen wieder zwanzig Diener hat, wie er sich bald den vertrautesten Freund irgend eines ausländischen, mächtigen Königs nennt, bald wieder die Rolle des bescheidenen zurückgezogen lebenden Spießbürgers spielt“. (Horaz, Satiren I, 3, 1-19).

Unter solchen Gedanken erreichten wir endlich Faido. Da es schien, als wolle der Regen nicht nachlassen, beschlossen wir, dort zu übernachten und besseres Wetter abzuwarten. Wir ließen zunächst unsern Rappen beschlagen und zogen uns sodann schleunigst in unser Zimmer zurück; denn an unsern Kleidungsstücken war kein trockner Faden mehr. Das Zimmer war nach italienischer Art möbliert. Ein großes, ebenso breites wie langes Bett und ein äußerst bequemes, aus vielen Kissen konstruiertes Sofa befand sich darin. Rechts von der Türe war das Kamin, das uns jetzt am meisten interessierte. Wir ließen uns ein lustiges Feuer darin anmachen, stellten zwei Stühle in seine Nähe, legten über deren Lehnen einen in der Ecke stehenden Alpenstock und hingen unsre durchnässten Mäntel und Röcke darüber. Kaum war die Hitze bis an jene gedrungen, als auch ein dichter Dampf aus den Kleidern emporstieg. Wir legten neues Holz zu und hatten die Freude, nach diesem langweiligen und trocknen Trockengeschäft unsre Kleider bald trocken zu sehen.

Als wir uns restauriert hatten, ließ sich mir Schreibzeug bringen, schrieb abermals im Namen meines Begleiters meinem Vetter nach Mailand und meldete ihm das Unglück, das uns betroffen hatte. Wir glaubten nämlich, daß er in dieser Stadt stationiert sei; er lag aber in Lodi und erhielt, wie ich später erfuhr, durch das Stabskommando seines Regiments unsre Briefe immer eine geraume Zeit später.