10. Flüelen – Wasen – Beginn der Gotthard Straße

1840-Altorf
Altorf – Tell-Kapelle

Am andern Tage kamen wir zunächst nach Altorf, der Hauptstadt des Kantons Uri, eine Viertelstunde von Flüelen entfernt. Hinter Altorf führte unser Weg durch mehrere kleinen Orte, wie Bötzlingen, Klus, dem gegenüber das Dorf Erstfelden liegt. Rechts von der Straße sind herrliche Wiesen, durchströmt von der Reuß; links erheben sich senkrechte Felswände von ungeheuer Höhe, aber dennoch überragt von der Windgelle oder dem Mattenstock. Am Fuße des noch höheren Bristenstocks ist Amsteg gelegen, wo wir Rast machten. Es war gerade Fasttag und wir mussten uns, da kein Fleisch im Hause war, mit Mehlspeisen begnügen. Dafür hatten wir das Vergnügen, die herrliche Steinsammlung des Wirtes zu betrachten, worunter sich prächtige Krystalle befanden, dergleichen man dort von armen Kindern auf der Straße kaufen kann. Wir blätterten wieder im Fremdenbuch, aber vergebens. Ärgerlich, aber doch zugleich mit ehrgeizigem Wohlgefallen, schrieb ich in das Buch:

Kein Mainzer und Darmstädter ist hier zu finden.

Wir sind die einz‘gen von vorn bis hinten.

Wasen, Uri

Bei Amsteg beginnt eigentlich schon die Gotthard Straße, und zwar unmittelbar mit der neuen Brücke, die sich dort über die Reuß wölbt. Es wird wohl kaum ein wilderes Tal zu finden sein als das Reußtal. Indes die Straße, bald an der rechten, bald an der linken Uferseite häufig über starke, steinerne Brücken sich hinziehend, allmählich zur Höhe hinansteigt, stürzt sich der Fluss in raschen, jugendlichen Sprüngen über mächtige Felsen in die tiefe Bergschlucht hinab und netzt mit milchweißem Schaum die Bäume und Gesträuche des Ufers. Der erste Ort, den man antrifft, Intschi, nur aus wenigen Häusern und einer Poststation bestehend. Dem Felsenmeere gleich sind mächtige Steinblöcke rings im Tale zerstreut, und man hört oft eine halbe Stunde weit das Getöse des darüberstürzenden Wassers. Nachdem man auf einer festen, steinernen Brücke den Mayenbach, der sich von der nahen Höhe in die Tiefe stürzt, überschritten, gelangt man nach Wasen. Der einbrechenden Dunkelheit wegen mussten wir in diesem kleinen Dorfe übernachten. Das Essen war schlecht, ebenso der Wein. Eine Streu für unsere Pferde war im ganzen Dorf nicht aufzutreiben.